Im goldenen Westen

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30. November 2016:
Hanna Dijab überlieferte der westlichen Welt die Märchen von Ali Baba und Aladin. Doch das eigene Reiseabenteuer des aleppinischen Ex-Mönches verstaubte fast drei Jahrhunderte in Archiven. Nun liegt der sagenhafte Augenzeugenbericht aus dem 18. Jahrhundert erstmals auf Deutsch vor.

Von Dominik Peters

Die Vatikanische Apostolische Bibliothek in Rom ist ein Mekka für Wissenschaftler. Vor mehr als zwanzig Jahren forschte dort Jérome Lentin für seine Habilitationsschrift zu arabischen Quellen. Was der Dialektologe fand, war und ist ein literaturhistorisches Kleinod von unschätzbarem Wert: Unter der Signatur »Sbath 254« verbarg sich eine vom Heiligen Stuhl erworbene Handschrift aus Syrien. 347 Seiten à 21 Zeilen, vollendet im Jahr 1764 – von Hanna Dijab.

Der polyphone Tuchhändler aus dem Suq von Aleppo ist kein Unbekannter. Er war es, der dem Übersetzer von Tausendundeiner Nacht, Antoine Galland, die Märchen von »Ali Baba und die vierzig Räuber« und »Aladin und die Wunderlampe« erzählte. Öffentlich gedankt für seine Hilfe hatte ihm der Orientalist nie. Auch Paul Lucas nahm die Dienste des maronitischen Christen ohne Dankeswort in Anspruch.

Der Sammlungsreisende war im Auftrag des französischen Sonnenkönigs, Ludwig XIV., in die Levante gereist. Dort traf er Dijab, der just zu diesem Zeitpunkt das Mönch-Dasein im St. Elias-Kloster vorzeitig abgebrochen hatte. Er ließ das Libanon-Gebirge hinter sich und schloss sich Lucas als Übersetzer auf dessen abenteuerlichen Trip von Aleppo nach Paris im Jahr 1708 an.
Die Reise – in deren Verlauf zuweilen »Dörfer vom Wasser wie Hyänen umzingelt sind« und ein Schiff »wie ein Vogel, der über das Wasser flog« – führte die beiden vom »Tripolis des Ostens« über Zypern und Kairo nach dem »Tripolis des Westens« bis Genua, Marseille und schließlich durch das Rhone-Tal nach Paris.

Die Tour de France des jungen Aleppiners ist es dann auch, die den detaillierten Reisebericht so kostbar und unterhaltsam macht. Sein Blick auf Europa und das »Dorf Versailles, wo der Serail des Sultans von Frankreich lag« ist einzigartig. Für Dijab mutet der Hofstaat Ludwig XIV. wie ein okzidentaler Traum aus Tausendundeiner Nacht an – mal sieht er »Zofen, schön wie Sterne«, dann ein junges Mädchen in einem »königlichen Mantel aus broschierter Seide und ein Diadem mit Edelsteinen im Haar aus Diamanten, Hyazinthsteinen und Smaragden, die das Auge entzückten.«
Drei Jahrhunderte nach der Reise und ein Jahr nach der französischen Erstedition dieses 1928 von den päpstlichen Bibliothekaren gekauften Reiseberichts, liegen Dijabs Aufzeichnungen auch auf Deutsch vor. »Von Aleppo nach Paris. Die Reise eines jungen Syrers bis an den Hof Ludwig XIV.« lautet der Titel des fast 500 Seiten starken Buches.

Die Übersetzung aus dem Französischen unter Hinzuziehung der arabischen Handschrift hat Gennaro Ghirardelli besorgt, der auch das Vorwort verfasst hat. Paulina Pysz hat den Reisebericht durch ihre Gestaltung in einen Prachtband verwandelt. Abgerundet wird das Ganze durch ein fachkundiges Nachwort des Historikers Bernard Heyberger und einer linguistischen Einordnung Jérome Lentins. In diesem Band haben sich Wissenschaft, Buchhandwerk und Verlagswesen auf das Vorzüglichste vereint – und Hanna Dijab wurde endgültig der Anonymität Aleppos entrissen.

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Von Aleppo nach Paris
Die Reise eines jungen Syrers bis an den Hof Ludwig XIV.
Originalausgabe, nummeriert und limitiert. Buchgestalterin: Paulina Pysz. Mit 13 Abbildungen und einer Landkarte. Bezug und Vorsatzpapier mit einem von der islamischen Ornamentik beeinflussten geometrischen Muster. Fein gelbleuchtender Bundsteg, Fadenheftung, Lesebändchen.
Die Andere Bibliothek, Berlin, 2016
492 Seiten, 42 Euro

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