Layla will nach Dschidda

22. November 2016: Rasha Khayats Debütroman liest sich flott und konfrontiert den Leser zugleich mit der Realität komplexer Identitäten. Schauplatz: ausgerechnet Saudi-Arabien.

Von Johanne Kübler

Layla, Tochter einer Deutschen und eines Saudi-Arabers, hat die meiste Zeit ihres Lebens in Deutschland verbracht. Doch scheinbar von einem Tag auf den anderen wirft sie ihre Lehre hin, lässt sich ihr Erbe auszahlen und verlässt Hamburg, um nach einer Weltreise in Saudi-Arabien einen wildfremden Mann zu heiraten. Ihre Mutter und ihr Bruder sind fassungslos und können sich nicht vorstellen, was sie in diesem Land will, in dem sie nur ein paar Jahre ihrer Kindheit verbracht hat und in dem sie als Frau vielen Einschränkungen unterworfen ist. Wieso will gerade Layla, eine unabhängige, eigensinnige junge Frau, freiwillig in einem Land leben, in dem sie von einem männlichen Vormund abhängig ist, sich in der Öffentlichkeit verschleiern muss und nicht einmal Auto fahren darf? Das Unverständnis ist so groß, dass Laylas Mutter sich weigert, zur Hochzeit zu kommen.

Der Leser begleitet ihren Bruder Basil, zu dem Layla stets ein sehr inniges Verhältnis hatte, auf seinem Weg zu ihrer Hochzeit in Dschidda. Obwohl beide Geschwister zwischen der deutschen und der arabischen Kultur aufgewachsen sind, hadert Basil mit seiner arabischen Seite. Der Vater starb früh und Basils Arabisch ist eingerostet – das Land, dass er als kleiner Junge verließ, hat sich stark verändert. Laylas Entschluss, Deutschland den Rücken zu kehren, weckt Basils Misstrauen, aber auch einen gewissen Neid. Er selbst lebt ein Leben in der Schwebe, er arbeitet in einer Kellerkneipe, anstatt sein Studium zu beenden und ist in einer Beziehung mit einer Frau, die er nicht wirklich liebt. Basil fühlt sich auch ein wenig von seiner Schwester verraten, denn mit ihrem Abschied aus Deutschland verliert er die einzige Person, die ihm am nächsten steht und ihn genau versteht. Seine Irritation legt sich schließlich, als er sich eingesteht, dass Layla, die ewig Suchende, sich in Saudi-Arabien gefunden hat.

Rasha Khayats Debütroman stellt die Frage des Zugehörigkeitsgefühls in einer Zeit von multiplen, nebeneinander existierenden Identitäten. Khayat ist Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin, und ist wie ihre Protagonisten in Deutschland geboren und verbrachte viele ihrer Kindheitsjahre in Saudi-Arabien. Ihre Beschreibungen sind detailreich, voll Witz und aus dem Leben gerissen. In Rückblenden lässt der Ich-Erzähler Basil ihre Kindheit im Ruhrgebiet und in Saudi-Arabien Revue passieren, die erstere geprägt von streng protestantischen Großeltern, Schrebergartenromantik und einer gewissen Gefühlskälte. Saudi-Arabien auf der anderen Seite ist Synonym für überbordende arabische Herzlichkeit und Familiensinn – und ist doch kein kitschiger Traum aus Tausendundeiner Nacht. Die Trennung von Männern und Frauen in der Öffentlichkeit, das Geschlechterrollenverständnis und das Ringen um ein wenig Freizügigkeit in der Allgegenwärtigkeit der Sittenpolizei werden thematisiert.

»Dass dieser Graben nie endet, sich nie schließen wird und dass man nie irgendwo richtig hingehört. So was sagt dir niemand«

Der größte Verdienst des Romans ist, dass er mit dem gängigen Klischee einer angeblichen Überlegenheit des Westens bricht. Layla ist sich der Beschränkungen ihres Lebens in Saudi-Arabien, je mehr sie den familiären Raum verlässt, bewusst, und doch entscheidet sie sich gegen ein Leben in Deutschland weil sie in ihrer arabischen Großfamilie eine Akzeptanz findet, die ihr in Deutschland fehlt. Dort muss ihre Herkunft als Projektionsfläche für die Träume und Ängste der Deutschen herhalten –  erst wurde sie als Wüstenprinzessin exotisiert, um nach dem 11. September mit Terrorismus und Islam assoziiert zu werden. Dieser ständige Druck, ihre Herkunft zu rechtfertigen, sich immerzu anzupassen, Dankbarkeit dafür zeigen müssen, dass man toleriert wird, wird ihr schließlich unerträglich. Ihrem Bruder wirft sie vor, diesen Konflikt zu verdrängen.

»Ich hab die Stadt einfach gehasst«, sagt Layla irgendwann. »Das Graue, die Stille. Das Drückende. Und dass sie uns immer erzählt haben, das sei alles ganz toll so, dass wir das Beste aus beiden Welten bekommen, dass wir nur Vorteile hätten, weil wir zwei so verschiedene Kulturen kennen. Aber dass die meisten anderen, die man trifft, immer wollen, dass man sich für eine Seite entscheidet, dass sie immer nur suchen, was ihnen bekannt vorkommt, das haben sie uns nie gesagt. Dass dieser Graben nie endet, sich nie schließen wird und dass man nie irgendwo richtig hingehört. So was sagt dir niemand.«

Rasha Khayats Erstlingswerk liest sich leicht, und ist doch keine leichte Kost. Heutzutage hat jeder fünfte Deutsche einen sogenannten Migrationshintergrund, und doch sehen sie häufig mit der Unfähigkeit der Mehrheitsgesellschaft konfrontiert, die komplexe Identität von bikulturellen Menschen zu verstehen. Während ein Teil der »Bindestrich-Deutschen« in der Politik und in Kunst und Kultur Fuß fassen, kehren andere in die Heimatländer ihrer Eltern zurück, wo ihrer Andersartigkeit oftmals mehr Verständnis entgegengebracht wird und ihre Sprachkenntnisse und interkulturelle Kompetenz als Vorteil gesehen werden. Rasha Khayat bringt uns die Sehnsüchte und Konflikte, Fremdheit und Vertrautheit, die mit einer bikulturellen Identität einhergehen, in einem kraftvollen Erstlingsroman nahe, dem man viele Nachfolger wünscht.
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Weil wir längst woanders sind
Rasha Khayat
Dumont Verlag, 2016
192 Seiten, 19,99 Euro

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