So riecht der Frühling

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23. Dezember 2016: Wiege der Revolution? Geld verdienen lässt sich in Zentraltunesien heute mit Schmuggel oder Dschihadismus. Von Stolz auf Freiheit und Demokratie ist nichts zu spüren. Eine gefährliche Gemengelage dort, wo jetzt auch noch Europas neue Außengrenze liegen soll.

Text: Florian Guckelsberger / Fotos: Stian Overdahl

Die Terroristen kamen an Silvester und blieben bis spät in die Nacht. Der alte Bauer lächelt scheu, als er von der Begegnung berichtet. Vor dem weiß- getünchten Haus spielen seine Kinder, zwei gescheckte Katzen dösen träge in der Sonne, während die Frauen den Haushalt der kleinen Farm im Westen des tunesischen Gouvernements Kasserine besorgen. Keine Straße führt hierher, Besucher müssen zu Fuß durch ein lehmiges Wadi steigen. Ein angeleintes Maultier guckt neugierig.

»400 Dinar haben die mir geboten«, sagt der Bauer, noch immer erstaunt. »Dafür wollten sie einen Esel, ein paar Decken und Geschirr.« So eine Gelegenheit biete sich einem Mann wie ihm selten und da habe er die Vermummten aus lauter Verlegenheit und Angst gleich noch zum Essen eingeladen. Noch heute ist der verbrannte Fleck Erde zu sehen, an dem sie ein Feuer errichteten und den Jahreswechsel gemeinsam verbrachten.

Es ist kein Zufall, dass die Geschichte von den großzügigen Terroristen rasch die Runde machte. 400 Dinar sind umgerechnet 160 Euro. Viel Geld in einer Gegend, die zu den ärmsten des nordafrikanischen Landes zählt und die auf eine lange Geschichte wirtschaftlicher und politischer Verwerfungen zurückblickt. Hier, an den Ausläufern des Atlas-Gebirges, nur wenige Kilometer von der Grenze zu Algerien entfernt, ist Tunis weit weg.

Rund 450.000 Menschen leben im Gouvernement Kasserine, ein Fünftel davon in der gleichnamigen Hauptstadt. Noch vor wenigen Jahren war hier laut OECD nur ein Viertel aller Haushalte an das öffentliche Wassernetz angeschlossen. Ein symptomatischer Befund für eine Volkswirtschaft, die sich zu rund 75 Prozent an der tunesischen Küste konzentriert. Außerhalb großer Städte wie Tunis, Sousse und Sfax bieten sich insbesondere gut ausgebildeten Menschen kaum noch legale Gelegenheiten, Geld zu verdienen. So liegt die Arbeitslosigkeit in Kasserine laut dem tunesischen Entwicklungsministeriums bei rund 23 Prozent und damit deutlich über dem nationalen Durch- schnitt. Tendenz steigend. Die Zahl der in Armut lebenden Menschen ist mit 32 Prozent gleich doppelt so hoch wie im tunesischen Mittel. Auch hier: Tendenz steigend.

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Es waren diese Verhältnisse, die Mohamed Bouazizi Ende 2010 im nur wenige Kilometer von Kasserine entfernten Sidi Bouzid dazu brachten, sich anzuzünden und so einen Aufstand auszulösen, der nicht nur die tunesischen Verhältnisse auf den Kopf stellen sollte. Fast sechs Jahre später sind es ähnlich desaströse Verhältnisse, die eine Gruppe von mehr als zwei Dutzend arbeitslosen Akademikern Ende Oktober dazu verleiteten, mit einer Überdosis Medikamenten vor einem Gebäude der Provinzverwaltung Massenselbstmordversuch zu begehen. Und auch wenn diese Demonstranten anders als Bouazizi überlebten, bleibt ihre Situation aussichtslos.

Es ist ein toxisches Klima aus bleierner Zukunftsangst und chronischer Unzufriedenheit, das insbesondere Jugendliche in die Illegalität treibt. Schmuggel aller Art ist allgegenwärtig und in Sbeitla, der zweitgrößten Stadt im Gouvernement, sind ganze Großfamilien auf die Einnahmen aus diesem Geschäft angewiesen. Die nahe und nur schwer zu bewachende algerische Grenze ist einfach zu verlockend. Von dort brechen täglich Dutzende Geländewagen Richtung Tunesien auf, beladen mit Reifen, Klimaanlagen, Kupfer, Zigaretten, Wodka und sogar Waffen. Am häufigsten wird aber billiges Benzin über die Grenze gebracht.

Ein gefährliches Geschäft: Immer wieder geht die leicht entflammbare Ladung der japanischen Isuzu-Jeeps wegen einer unachtsam weggeworfenen Zigarette in Flammen auf. Am Steuer sitzen oft junge Familienväter, die bei Verfolgungsjagden mit der Polizei ihr Auto, ihre Freiheit oder gleich ihr Leben verlieren. »Seit der Revolution ist das Geschäft noch härter geworden, viele Polizisten kontrollieren Autos auf bloßen Verdacht hin«, erzählt ein Schmuggler, der anonym bleiben will.

Dann berichtet er, wie sich sein Geländewagen einmal wegen eines geplatzten Reifens mehrfach überschlug und er noch in der Notfallaufnahme verhaftet wurde. Die eingedrückte linke Schädelhälfte ist stummer Zeuge der dramatischen Verfolgungsjagd. Dabei tolerieren die Ordnungshüter, wie mehrere Schmuggler übereinstimmend berichten, das illegale Treiben auch oft genug. Wer nur algerisches Benzin über die Grenze bringe, der habe oft nichts zu befürchten. Im Gegenteil, auch Polizeiwagen werden ab und an damit betankt. Nur so lässt sich auch erklären, dass man überall in Sbeitla Garagen voller leerer Kanister sieht und dass alle Zufahrtsstraßen von improvisierten Tankstellen gesäumt sind, an denen Autobesitzer pro Tankfüllung rund 20 Prozent sparen. Geld hat in Kasserine offensichtlich nicht einmal die Polizei zu verschenken.

Doch über die Grenze kommt eben nicht nur Benzin. Auch Drogen finden ihren Weg von Marokko und Mali über Algerien nach Tunesien. Und hier greift die Polizei härter durch, wie Ahmad erzählt. Der schmächtige Mitt- dreißiger sitzt auf dem Sofa seines Hauses und wringt die beringten Hände. Sein sehniger Unterarm zeigt den Ansatz einer Tätowierung, hastig zieht er an einer Zigarette. Fünf Mal saß er im Gefängnis, fünf Mal ließ man ihn gehen, fünf Mal fing er wieder mit dem Drogenschmuggel an. Jetzt ist sein Haus mit mehreren Überwachungskameras gesichert, die er ständig im Blick hat. Es ist das erste Mal, das er mit Journalisten spricht. »Bei einem guten Geschäft verdiene ich bis zu 12.000 Dinar«, erzählt Ahmad. Mehrere Hundert Kilo marokkanisches Haschisch behauptet er regelmäßig zu schmuggeln. Das Geschäft sei straff in Zellen organisiert, auch er habe nur eine Reihe von Telefonnummern, die Hintermänner des Milliardengeschäfts gibt er vor, nicht zu kennen. »Ich liefere die Ware bis nach Europa. Nach Spanien, Frank- reich, Deutschland«, gibt er an und entblößt beim Reden eine Reihe erstaunlich schlecht gepflegter Zähne. Dann kommt seine Mutter herein und sorgt sich mit gezuckerten Datteln und Fan- ta um die Gäste ihres Sohnes, Ahmads Ne en gucken derweil im Nachbarzimmer Fernsehen. Ob Drogen denn auch in Kasserine Abnehmer fänden? »Natürlich«, sagt er. »Außer dem Rausch haben die Jugendlichen hier doch nichts.«

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Draußen, vor dem Haus des Drogendealers, wird es mittlerweile dunkel. Eine Zeit, zu der sich insbesondere Fremde nicht mehr allzu weit von den beleuchteten Straßen der Stadt entfernen sollten. Am Abend hallen dann Gewehrschüsse durch die Nacht. Eine Hochzeit? Schweigen. Dann die erneute Nachfrage beim Gastgeber. Ja doch, das sei eine Hochzeit. Nur zwei Tage später fallen im nur wenige Kilometer entfernten Khmouda erneut Schüsse – und dieses Mal ist es kein überschwänglicher Jubel anlässlich einer Vermählung. Es sind Terroristen, die aus den Bergen kommend einen Posten der tunesischen Nationalgarde angreifen.

Sobald keine Häuser die Sicht versperren, hat man freien Blick auf die weithin sichtbaren Erhebungen, die Kasserine einfassen. Es sind die dicht bewaldeten Hänge des Djebel Chambi, des Djebel Selloum und des Djebel Semmama. Sie sind Teil der Dorsale, des nordöstlichen Teils des Tellatlas-Gebirges. Die höchsten Berge Tunesiens sind durchzogen von bekannten und verborgenen Pässen. Hier winden sich die Straßen, durch die die Schmuggler ihre Waren ins Tal bringen, und hier versteckt sich die Brigade »Uqba Ibn Nafi« – jene Terroristen, die in der Silvesternacht 2015 einem einfachen Bauern ein unwiderstehliches Angebot machten.

»Hab keine Angst, wir gehören nicht zum Islamischen Staat«, versicherten sie ihm. »Wir schneiden unseren Feinden weder den Kopf ab, noch halten wir Sexsklavinnen.« Aussagen, die den Farmer kaum beruhigen. Denn dass die Brigaden kampferprobt und alles andere als zimperlich sind, belegt eine bedrückende Serie von Anschlägen, die das Gouvernement Kasserine seit Jahren er- schüttert. Darunter im Sommer 2014 einer der verheerendsten Anschläge auf die tunesische Armee seit der Unabhängigkeit 1956, als 15 Soldaten bei zwei Hinterhalten am Djebel Chambi starben.

Die Gruppe besteht aus rund 70 Bewaffneten, so die Schätzung eines hochrangigen Sicherheitsbeamten aus der Region, der anonym bleiben möchte. Benannt nach General Uqba Ibn Nafi, dem Statthalter des Umayyaden-Kalifats in Nordafrika im 7. Jahrhundert, sind die als Brigade organisierten Terroristen seit dem Sturz Ben Alis aktiv – seit 2012 ver- stecken sie sich in den Bergen bei Kasserine. Sie verfügen über Maschinengewehre, Landminen, Panzerfäuste und Nachtsichtgeräte und gelten als gut trainiert. Heute bekennt sich die Gruppe zu »Al-Qaida im Maghreb« (AQIM), obwohl es immer wieder Gerüchte gibt, die Brigade hätten dem sogenannten Islamischen Staat (IS) die Treue geschworen.

Verständlich also, dass auch die Menschen am Fuß der Berge, rund 30 Autominuten von der nächsten größeren Siedlung entfernt, in Sorge leben. Früher, so erzählt ein Bauer aus der Gegend, hätte man in den Bergen Kräuter sammeln und Holz schlagen können. Das traue sich nun niemand mehr, aus Angst, von der Brigade überrascht zu werden. Für viele Familien brach auf diese Weise eine weitere Einnahme- quelle weg. Die wirtschaftliche Situation wurde noch bedrückender.

Und so wünschen sich viele Menschen in Kasserine mehr Präsenz der Sicherheitsbehörden, auch wenn sich die Anschläge der Gruppe bislang überwiegend gegen staatliche Einrichtungen wie Kasernen oder Polizeistationen richten. Das Militär, so berichtet es eine Gruppe Lehrerinnen auf dem Nachhauseweg, sichere nur wenige wichtige Zufahrtsstraßen und überlasse die Menschen ansonsten ihrem Schicksal. Selbst auf den kleinen Friedhof der Gemeinde trauen sich die Bewohner nach Anbruch der Dunkelheit nicht mehr.

Richtig wütend wird dann der Polier einer kleinen Truppe von Bauarbeitern, die unweit einer Bergstraße ein kleines Nebengebäude einer Schule errichten. »Wir haben hier noch nie eine Kamera gesehen, für uns und unser Leben interessiert sich doch niemand.« Seine Kollegen umringen ihn, nicken stumm, während ihr Wortführer immer wieder beide Arme nach vorne wirft. »Wenn das so weitergeht, dann gehen die Menschen hier auch in die Berge und kämpfen mit der Brigade«, schimpft er jetzt und wirkt dabei plötzlich mehr müde als bedrohlich. Die Männer machen deutlich, dass sie ohne Hilfe vom Staat nichts mehr von ihrer Zukunft erwarten, aber zumindest die Jüngsten sollen bitte schön eine Chance bekommen. Doch weil die Schule abgelegen ist, weigerte sich ein Lehrer, die ersten beiden Klassen zu unterrichten. Er hatte Angst, verschleppt zu werden, und kehrte auf dem Absatz um. Für einige Klassen fällt damit der Mathematik- und Arabisch-Unterricht weg.

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Mit diesem Bericht konfrontiert, seufzt Youcef Chahbi. Der Geschichtslehrer und Imam einer Moschee nahe Sbeitla ist so etwas wie ein Seelsorger und weiß um die Ängste seiner Gemeinde. Seine Kritik formuliert er dennoch sorgfältig: »Ich wünschte, die Behörden würden ihr Vorgehen besser kommunizieren. Die Menschen müssen doch wissen, dass etwas unternommen wird gegen die Gefahr aus den Bergen und auch gegen die schlimme wirtschaftliche Situation.«

In Tunis, im sechsten Stock der Arbeitgebervertretung UTICA, sind derlei Probleme fern. Die Klimaanlage surrt zu- frieden und der Lö el klackert angenehm im servierten Kaffeeglas. Wided Bouchamaoui, die Präsidentin des Verbands, verschwindet etwas hinter ihrem großen, T-förmigen Schreibtisch und doch verbreitet die 55-jährige Friedensnobelpreisträgerin eine resolute Selbstgewissheit. Tunesien, sagt sie, sei schon auf dem richtigen Weg, aber »die Menschen verlangen nach Jobs, denn ohne die gibt es kein Leben in Würde«. Und dann sagt Bouchamaoui all die richtigen Dinge. Sie redet von den Schwierigkeiten, die eine Revolution nun mal mit sich brächte, von einer überfälligen Neuausrichtung des Bildungssystems, der Schwierigkeit, Kredite zu bekommen, und der notwendigen Dezentralisierung des Landes. Und dennoch sprechen viele Tunesier der Tochter eines Wirtschaftsmagnaten – der unter dem Autokraten Ben Ali stets gute Geschäfte machte – die Fähigkeit oder den Willen ab, die Lage in Landesteilen wie Kasserine tatsächlich zu ändern.

So sehen das auch Ayachi, Aknom und Yasmine aus Kasseri- ne. Sie gehören zu einer Gruppe von 29 Männern und fünf Frauen, die seit einem Dreivierteljahr vor dem Arbeitsministerium in Tunis kampieren. Wie Zehntausende andere Tunesier haben die drei zwar ein abgeschlossenes Studium, finden aber dennoch keinen Job. Ihre Aktion ist medienwirksam und so richtig scheint die Polizei auch nicht zu wissen, wie sie mit dem Protest umgehen soll. Der Minister jedenfalls betritt seinen Amtssitz nicht mehr durch den Haupteingang – zu unangenehm scheint die Begegnung mit dem wütenden Volk. 2011 waren viele der heute vor dem Ministerium Demonstrierenden stolze Revolutionäre, die mit banger Hoffnung ihr Leben für den Aufstand riskierten. Und heute? »Es fühlt sich an wie ein Messer im Rücken«, sagt Ayachi. Seine Mitstreiter nicken stumm.

Er zieht ein Fazit, das in Kasserine bereits ein Gemeinplatz zu sein scheint. »Hier haben wir keine Zukunft«, sagt ein Benzinschmuggler. »Seit der Revolution ist das Leben noch härter geworden«, sagt ein junger Vater. »Ohne Jobs wächst der Hass und dank Hass erstarkt der Terrorismus«, sagt der Imam Youcef Chahbi. »Wenn ich könnte, würde ich sofort nach Europa gehen«, sagen viele. Der Frühling, so scheint es, ist nie in Kasserine angekommen.

Diese Reportage erschien in der zenith-Ausgabe 4/2016, die hier bestellbar ist: www.zenithonline.org/aktuelle-ausgabe

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